Neueste Veröffentlichung: Zwischen den Welten I: Eine neue Welt

Filmreview: 47 Ronin

Regie: Carl Rinsch

Darsteller: Keanu Reeves, Hiroyuki Sanada, Ko Shibasaki, Rinko Kikuchi

 

 

Die Geschichte der 47 Ronin ist so ziemlich das beliebteste Beispiel für den Ehrenkodex der Samurai und in Japan eine Art Nationallegende. Sie beruht auf den Ereignissen um 47 herrenlose Samurai im 18. Jahrhundert, die, obwohl es ihren sicheren Tod bedeutete, die Ehre ihres Herren gerächt haben. Eine Geschichte, die für Loyalität, Opferbereitschaft und Durchhaltevermögen steht. In Japan gibt es unzählige Stücke und Filme, die sich diesem Thema angenommen haben, wobei die bekanntesten Umsetzungen der zweiteilige (und auf gewisse Art ziemlich untypische) Propagandafilm von Kenji Moziguchi (1941 bzw. 1942) und die 1962er Version von Hiroshi Inagaki (der unter anderem auch für die "Samurai"-Trilogie mit Toshiro Mifune verantwortlich ist) sein dürften.

 

Nun hat sich Hollywood dem Thema angenommen. Wieso Universal das getan hat, ist wohl eine Frage, die sie sich selbst inzwischen gestellt haben werden. Denn eine so japanische Geschichte, zu der wohl nur wenige Amerikaner oder Europäer einen Bezug haben, als Blockbuster mit einem immensen Budget (laut imdb.com geschätzte 175 Millionen Dollar) auf die Leinwand zu bringen, ist, gelinde gesagt, mutig. Mut, der nicht belohnt wurde, denn der Film ist an den Kinokassen bisher gefloppt. Es scheint sogar fraglich, ob er selbst mit einem Heimkinorelease wirklich Gewinn abwerfen wird.

 

Aber der Reihe nach. 47 Ronin beginnt mit dem jungen Kai, der durch den Wald flüchtet und von Lord Asano (Min Tanaka, "Twighlight Samurai") und seinem Gefolge aufgelesen wird. Obwohl er ein Halbblut ist und etwas mit den Tengu (simpel ausgedrückt eine Art Waldgeister/-dämonen) zu tun hat, nehmen sie ihn bei sich auf. Etliche Jahre später: Kai (Keanu Reeves, "Matrix"-Trilogie) ist inzwischen erwachsen. Immer noch herrscht Argwohn der Samurai Lord Asanos ihm gegenüber. Dessen Tochter Mika (Ko Shibasaki, "Battle Royale", "The Call") hingegen ist in ihn verliebt, da sie seit frühester Jugend sein sanftmütiges Wesen erkannt hat. Nun steht der Besuch des Shoguns (Cary-Hiroyuki Tagawa, "Mortal Kombat", "Tekken") bevor. Bei den damit verbundenen Festlichkeiten ist auch Lord Kira (Tadanobu Asano, "Battlefield", "Thor") zugegen. Dieser will das Gebiet Asanos an sich reissen und hat mit Hilfe einer Hexe (Rinko Kikuchi, "Pacific Rim") einen heimtückischen Plan ausgeheckt. Dieser gelingt dann auch und Lord Asano ist gezwungen Seppuku (also rituellen Selbstmord) zu begehen. Sein Gefolge wird verbannt und sie sind ab nun herrenlose Samurai, während Kai an Sklavenhändler verkauft wird. Oishi (Hiroyuki Sanada, "Twighlight Samurai", "Wolverine – Weg des Kriegers"), der oberste Samurai Asanos, wird sogar in ein Verliess gesperrt, um seinen Willen zu brechen. Am schlimmsten trifft das Urteil des Shogun Mika: Sie soll, um Frieden zwischen den zwei Gebieten zu halten, nach einer Trauerfrist von einem Jahr Lord Kira heiraten.

 

Ein Jahr später. Oishi wird freigelassen. Sein Wille ist jedoch nicht gebrochen. Im Gegenteil, er sucht die ehemaligen Samurai Asanos und sogar den bisher so ungeliebten Kai auf. Ihr Ziel: Ihren Herren zu rächen und zu verhindern, dass Mika Lord Kira heiraten muss.

 

Anhand der Inhaltsangabe lässt sich schon erahnen, dass der Stoff in diesem Film mit starken Fantasy-Elementen angereichert wurde. Gleich der Beginn bestätigt dies: Bevor der Shogun anreist, muss eine Bestie besiegt werden, um die Sicherheit zu gewährleisten. Diese Jagd ist effektvoll in Szene gesetzt und auch wenn hier garantiert keine neuen Standards gesetzt werden (auch in späteren Actionszenen nicht), lässt sich das üppige Budget durchaus erkennen. Allgemein sieht der Film verdammt gut aus. Die CGI-Effekte können sich sehen lassen, die Ausstattung und Settings sind gleichermaßen prunkvoll wie um Authenzität bemüht. Selbst die phantastischen Elemente wie die Tengu, die Hexe und ähnliche Spielereien fügen sich erstaunlich gut in den Film ein. Einzig ein "Monster" in der Sklavenstadt, das Kai besiegen muss, wirkt etwas deplaziert.

 

Interessant ist jetzt vor allem die Frage, weshalb der Film so desaströs gefloppt ist. Ironischerweise ist die Antwort darauf wohl genau der Grund, weshalb der Film bedeutend besser ist, als er allgemeinhin beurteilt wird. Die phantatischen Elemente wurden im Trailer stark in den Vordergrund gerückt. Dieser suggeriert ein Actionspektakel, bestenfalls wie "Pacific Rim", schlimmstenfalls wie "R.I.P.D.". In den Händen des bisher gänzlich unbekannten Regiesseurs Carl Rinsch lässt das mit dem Budget auf eine stupide Actionorgie schliessen, die wirr etwas japanisches Kulturgut mit Fantasy verbindet. Ein Blockbuster im negativen Sinne. Oberflächlich, kitschig und mit Keanu Reeves als "Auserwähltem". Ist man mal ehrlich gibt es genügend Filme dieser Art und vor allem gibt es so einige Regiesseure, die dieses Klientel perfekt bedienen, allerdings mit Themen, mit denen sich durchschnittliche Amerikaner bedeutend besser identifizieren können. Von vorne herein spricht der Trailer vor allem Menschen an, die einfach simples Popcornkino sehen wollen und nicht allzu wählerisch sind.

 

Aber genau diese Leute spricht der tatsächliche Film gar nicht an. Wer sich einen Michael Bay Kracher in der kalorienarmen Variante erhofft wird zwangsläufig schwer enttäuscht sein. Denn "47 Ronin" ist nicht nur mutig, wenn es darum geht ein riesiges Budget mit einem für sein Hauptpublikum eher schwer zugägnlichen Thema zu verbinden. Wo der durchschnittliche Blockbuster mit vielen bekannten Gesichtern glänzt ist der Cast von "47 Ronin" überwiegend asiatisch. Keanu Reeves ist sowieso der einzige Star, der einem breiten westlichen Publikum wirklich bekannt sein dürfte (da der Veteran Cary-Hiroyuki Tagawa nicht nur eher in B-Movie Gefilden unterwegs ist, sondern in seiner kleinen Rolle auch nur schwer zu erkennen ist). Der Rest fällt eher in die Kategorie "ist das nicht der/die aus... ?". Ändert nichts daran, dass alle einen soliden Job machen (auch wenn Reeves arg emotionslos wirkt). Und auch sonst schert sich der Film herzlich wenig um westliche Fantasy-Sehgewohnheiten. Die hervorragende und trotz der phantastischen Elemente erstaunlich authentisch wirkende Ausstattung, der düstere Grundton, der langsame, auf die Story setzende Aufbau, der die Handlungen der Charaktere bestimmende Ehrenkodex der Samurai und die damit oft empfundene Unterkühltheit... all das wirkt sehr japanisch. Wer jetzt an "Last Samurai" mit Tom Cruise denkt irrt. Denn auch wenn dieses Werk sehr gut war und sich um Authenzität bemüht, so ist es doch ein reiner Hollywoodfilm.

 

Wenn man "47 Ronin" eines vorwerfen will, dann dass er das Thema oberflächlicher angeht als zum Beispiel die herausragende 1962er Version. Das rührt aber auch daher, dass er einige Zugeständnisse ans westliche Publikum macht. So gibt es natürlich eine tragische Liebesgeschichte zwischen Kai und Mika. Die an sich simple Handlung baut sich recht langsam auf, doch der Film tritt niemals in dem Arthouse ähnelnde Regionen ein und zwingt einen, wirklich über das Bushido, das Leben eines Ronins im Japan des 18. Jahrhunderts und ähnliches nachzudenken. Stattdessen gibt es ein paar vereinzelte Actionszenen, welche niemanden wirklich beeindrucken werden, aber allesamt ganz passabel inszeniert sind. Auch das "Halbblut" Kai, also Keanu Reeves, ist wohl in erster Linie dabei, um als Identifikationsfigur zu dienen. Aber ehrlich gesagt passt das alles wunderbar zusammen, wenn man sich darauf einlässt. Ohne je wirklich anspruchsvoll zu sein, verfällt der Film niemals ins oberflächliche Hollywoodeinerlei. Das beste Beispiel dafür ist die Konsequenz des Endes. Ohne zu viel verraten zu wollen, aber der Film hat den Mut die Geschichte richtig zu Ende zu erzählen und alleine das macht ihn sympathischer als "Last Samurai", der genau dort fast schon kitschig und klischeehaft auf Hollywoodart ausklingt.

 

Finanziell ein Flop, wird der Film westlichen Action- und Fantasyliebhabern, die hier einen weiteren klassischen Blockbuster der Marke Hollywood erwarten, sicher kaum gefallen. Dafür sind, trotz schöner Optik und klasse Ausstattung, die (Action-)Schauwerte doch zu rar gesäht und der Film nicht nur aufgrund der Geschichte und des Cast eindeutig zu japanisch. Wer allerdings ein gewisses Faible für Samurais, Japan und eher asiatische Filme hat oder wer auch gerne etwas schaut, das aufgrund seines Kerns aus der breiten Masse heraussticht, der wird hier gut unterhalten werden. Regiesseur Rinsch hat mit seinem Langfilmdebüt jedenfalls bewiesen, dass Fantasy und Historie, japanische Anleihen und amerikanische Blockbusterfilmkunst, zusammen einen interessanten, durchaus funktionierenden Mix ergeben können.

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