Neueste Veröffentlichung: Zwischen den Welten I: Eine neue Welt

Filmreview: Snowpiercer

Regie: Joon-Ho Bong

Darsteller: u.a. Chris Evans, Ed Harris, John Hurt, Kang-Ho Song, Ah-Sung Ko

 

Da sitzt man also wieder in der Sneak Preview, zusammen mit einigen Leuten, hat beim Filmquiz mal wieder etwas gewonnen und nach einigen mehr oder weniger interessanten Trailern startet der Film. Bei der Einblendung "CJ Entertainment" wuchs meine Vorfreude gleich, denn mir war klar, dass irgendwas koreanisches mit dem Film zu tun haben muss. Im Vorfeld hatte ich noch nichts über "Snowpiercer" oder die französische Graphic Novel "Le Transperceneige" von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette, auf welcher der Film basiert, gehört. Eine französische Graphic Novel als Grundlage, ein süd-koeranischer Regiesseur (welcher auch mit Kelly Masterson das Drehbuch verfasste) , was kann da eigentlich noch schief gehen?

 

Gerade bei einer interessanten Handlung? In der nicht allzu fernen Zukunft: Wir schreiben das Jahr 2031. Vor 17 Jahren ging ein Experiment, welches die globale Erwärmung aufhalten sollte, schief. Der ganze Planet ist eingefroren. Doch Konzernchef und Visionär Wilford (Ed Harris; "The Rock", "Abyss") hatte zuvor einen Zug gebaut, inklusive einer Strecke, welche die ganze Welt umfasst. Nun ist dieser Zug der einzige Ort, an dem etwas überleben konnte. Allerdings läuft an Bord des Zuges alles "sehr geordnet" ab. In den letzten Abteilen leben die Armen, die Unterschicht. Sie ernähren sich von Protein"blöcken" (eine Gelee-artige Substanz), sind ständig Repressalien ausgesetzt und führen ein kaum menschenwürdiges Leben. Doch Curtis (Chris Evans; "Captain America", "The Avengers"), Gilliam (John Hurt; "Alien", "Hellboy") und viele andere planen einen Aufstand, mit dem Ziel an die Spitze des Zuges zu gelangen.

 

Schon der Einstieg in den Film weiß einen in seinen Bann zu ziehen. Die Apokalypse wird nur angedeutet und schon findet man sich im tristen, schmutzigen Alltag der Unterschicht des Zuges wieder. Soldaten zählen sie durch, verteilen die Proteinpampe und reißen kurzerhand ein alte Paar auseinander, da sie einen Geigenspieler brauchen (wozu auch immer). Lange fackelt Regiesseur Joon-Ho Bong ("The Host", "Memories of Murder") nicht und man wird mitten in die Vorbereitung der Revolution geworfen. Curtis erhält dauernd Nachrichten mit vagen Informationen, die ihm und dem besonnenen Gilliam helfen, alles zu organisieren. Dank des dreckig-deprimierenden Looks ist einem sofort klar, dass dieser Aufstand gerecht ist, und sollte das nicht reichen, so ist spätestens nach einigen weiteren undurchsichtigen und grausamen Taten der Soldaten und Mason, der Sprecherin Wilfords (Tilda Swinton; "Grand Budapest Hotel", "Die Chroniken von Narnia"), welche nicht oft genug betonen kann, dass jeder seinen zugewiesenen Platz hat und an ihm verweilen müsse, klar. Die Armen werden unten gehalten, ausgebeutet, dürfen im Dreck leben und haben sich damit abzufinden und zu funktionieren. Vergleiche zum Stummfilmklassiker "Metropolis" sind nicht unangebracht, gerade auch im weiteren Verlauf des Filmes.

 

Als die Revolution ausbricht, gesellen sich der eingesperrte, drogenabhängige Sicherheitsexperte Namgoong Minsu (Kang-Ho Song; "Sympathy for Mr. Vengeance", "The Host") und die Jugendliche, ebenfalls abhängige, Yona (Ah-Sung Ko; "The Host") dazu, schließlich brauchen die Rebellen Namgoong um die einzelnen Sicherheitstüren zwischen den Wagons zu öffnen. Und sie bahnen sich immer weiter ihren Weg, was in einigen Gefechten, aber vor allem vielen Überraschungen gipfelt.

 

Detaillierter will ich nicht auf die Handlung eingehen, denn nebe einigen vorhersehbaren Twists, gibt es auch einigeweniger offensichtliche. Erst nach und nach offenbart sich das Ausmaß der Klassenunterschiede an Bord des "Snowpiercers", wie diese Restgesellschaft "funktioniert" und was das Leben insbesondere für die Armen bedeutet. Gerade darin besteht das Besondere an der Handlung. Es gibt immer wieder schockierende Offenbarungen, man wird sehr spannend ohne erhobenen Zeigefinger unterhalten, hat aber trotzdem Sozial/Gesellschaftskritik, die auch zu einer zweiten oder dritten Sichtung und vor allem zum Nachdenken einläd. Dafür beide Daumen nach oben, allein, weil es im ähnlich gearteten "Metropolis" bedeutend naiver wirkt.

 

Während die Handlung den Film schon tragen würde, wird aber auch an anderer Stelle alles erdenkliche getan, um dieser Nachdruck zu verliehen. Gerade das Set-Design weiß zu begeistern. Betrachtet man den Anfang des Films, die schmutzigen, spartanischen letzten Wagons des Zuges, und wird dann nach und nach auf der Reise durch den Zug durch kaum für möglich gehaltene, teilweise schon traumhaft schöne (oder im Falle des Schulwagons für die Kinder der besser Betuchten nahezu schon skurril anmutenden) Sets geführt, könnte man schnell vergessen, dass man immer noch an Bord des "Snowpiercers" (geschweige denn überhaupt an Bord eines Zuges) ist. Allgemein sieht der Film verdammt gut aus, was aber bei einer koreanischen (Co-)Produktion kaum noch verwundert, bedenkt man, mit was für einem Budget da schon was für Filme gedreht wurden, die nach einem Hollywood Blockbuster aussehen (auch wenn "Snowpiercer", allgemein betrachtet, kein Budgetleichtgewicht ist), aber nur ein Bruchteil des Budgets verschlangen.

 

Umso überraschender aber der Cast. Neben den Veteranen Ed Harris und John Hurt, den koreanischen Darstellern Kang-Ho Song und Ah-Sung Ko (die bisher nur wenige Filme gedreht hat, was man ihr nicht wirklich anmerkt), ist auch ein Chris Evans dabei, der ja als "Captain America" durchaus einiges an Popularität erlangen konnte (schön, dass er trotzdem noch in einem solch "kleinen" Film mitspielt). Zudem gibt es auch ein Widersehen mit dem "Billy Elliot"-Darsteller Jamie Bell und mit Tilda Swinton. Wirkliche Galnzleistungen gibt es zwar nicht, wobei man gerade Chris Evans attestieren muss, dass er in der, im Vergleich zu seinen Superheldenblockbustern, durchaus etwas anspruchsvolleren Rolle eine (für mich) überraschend gute Figur abgibt. Auch Tilda Swinton als, bei Zeiten schon an der Grenze zum Grotesken kratzende, Mason sollte nicht unerwähnt bleiben. Neben alle dem gibt es auch einiges an anderen Schauwerten. Die Action mag manchmal etwas unübersichtlich sein (was aber auch ihrer Natur geschuldet sein dürfte), ist aber ansonsten sauber inszeniert und gibt sich ungeschont und durchaus hart, ohne jemals unnötig brutal zu werden. Einzig das Ende gibt einen kleinen Abzug ín der B-Note, denn auch wenn es passend gewählt ist und wahrscheinlich so aussehen musste, wirkt es irgendwo leicht kitschig.

 

Alles in allem ist "Snowpiercer" aber ein kleiner Geheimtipp. Der Unterhaltungswert stimmt, Langeweile kommt keine auf, dafür aber Spannung. Die Actionszenen sind gut gemacht und kein "sauberer" Hollywoodeinheitsbrei, die "Reise durch den Zug" hat ihre ganz eigene Faszination und bei alle dem gibt es auch gesellschaftskritische Töne, die immer homogen als Teil des Stoffes und nie aufgesetzt über die Leinwand flackern. Manchmal kann man echt froh sein in ein Sneak Preview zu gehen, denn sonst wäre dieser Film mir sicherlich einge ganze Zeit lang entgangen.

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